Slums und Dörfer sind das Marktumfeld
Die Menschen am Sockel der globalen Einkommenspyramide leben nicht bunt auf der Welt verteilt, sondern hauptsächlich in den Slums und Dörfern von Entwicklungsländern.
Der Blick auf die Weltkarte, die die Kindersterblichkeit als Indikator für Armut kartiert, zeigt deutlich die Unterschiede zwischen den Ländern und Regionen:
In Afrika und Asien ist die Armut am größten. Große Unterschiede herrschen auch innerhalb eines Landes. In China sind die Küstenregionen sehr gut entwickelt, während im Hinterland Armut noch weit verbreitet ist.
Heute lebt der überwiegende Teil derer, die mit weniger als 2 Dollar am Tag auskommen müssen, auf dem Land. Diese Verteilung ändert sich schnell. Der größte Teil der 3 Milliarden Menschen, die es bis 2050 zusätzlich zu den heute 6,5 Milliarden auf der Erde geben wird, wird in städtischen Armenvierteln von Entwicklungsländern leben.
In den Slums und Dörfern bedeutet Markterschließung nicht einfach, ein neues Produkt in die Läden zu bringen oder einen Liefervertrag mit einer Produktionsgenossenschaft zu unterzeichnen.
Unternehmen müssen Herausforderungen meistern, die sie aus entwickelten Märkten nicht in diesem Ausmaß kennen. Grundproblem sind die mangelhaften Marktbedingungen. Es fehlt an Informationen, an funktionierender Infrastruktur, an rechtsstaatlichen Regeln und Prozessen und weiteren Voraussetzungen eines funktionierenden Handels. Weil diese Gegenden als Märkte nicht recht erschlossen sind, fehlt es außerdem an unterstützenden Systemen, wie Logistikservices, Finanzdienstleistungen oder Medien, auf die Unternehmen sonst zurückgreifen können.
Eine Analyse des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) zeigt Hindernisse in fünf Bereichen auf:
1. Marktinformationen.
Es ist oft nicht leicht, an zuverlässige Marktinformationen zu kommen. Standarddaten der Marktforschung, wie sozioökonomische Daten, Kaufgewohnheiten und Nutzerprofile sind für Bewohner von Slums und Dörfern in Entwicklungsländern selten erfasst. Ebenso fehlt es an Informationen über vorhandene Produktion und Kompetenzen. Wenn solche Daten erfasst werden, dann meist von staatlichen Stellen und Entwicklungsbanken, die sie nicht oder nur in wenig benutzerfreundlicher Form veröffentlichen. Geeignete Informations-Mittler wie Marktforschungsinstitute, Rating-Agenturen oder Unternehmensberatungen gibt es für diese Märkte kaum.
Als Nancy Abdeirrahmane mit dem Aufbau von Tiviski begann, gab es keinen Markt für Kamelmilch und damit weder Informationen über die produzierte Menge noch einen Preis.
2. Regulatorisches Umfeld
Gesetzliche Regelungen und deren Durchsetzung sind in Entwicklungsländern oft unzureichend. In Mauretanien gab es 1989 keinerlei gesetzliche Basis für die Milchwirtschaft. Ohne Polizei, funktionierende Gerichte und andere staatliche Ordnungssysteme fehlt es Unternehmen an Vertragssicherheit und Schutz vor Kriminalität. Die Bewohner von Slums und Dörfern können selbst kaum auf rechtsstaatliche Prozesse zurückgreifen. Sie haben oft weder einen Ausweis noch einen Nachweis für einen festen Wohnsitz.
Zudem sehen sich Unternehmen wie Individuen oft mit zähen Genehmigungsprozessen in der öffentlichen Verwaltung konfrontiert. In Lateinamerika dauert eine Geschäftsanmeldung im Durchschnitt 73 Tage und kostet etwa 48 Prozent des jährlichen Pro-Kopf-Einkommens, während in den OECD-Staaten der Aufwand nur 17 Tage und 5 Prozent beträgt. Daher operieren viele Kleinunternehmen informell. Dies erschwert jedoch die Zusammenarbeit mit etablierten Firmen, da diese eine rechtlich einwandfreie Basis für Geschäftsbeziehungen benötigen.
3. Physische Infrastruktur
Der Austausch von Waren und Dienstleistungen, aber auch Information wird durch schlechte Infrastruktur behindert. In Mauretanien gab es kein nennenswertes Straßennetz, das eine schnelle Milchsammlung erlaubt hätte.
Auch andernorts mangelt es an Transportwegen. 60 Prozent aller gepflasterten Straßen auf der Welt befinden sich in den wenigen Hocheinkommensländern. Leitungen für Strom, Wasser oder auch Daten sind nicht vorhanden oder in schlechtem Zustand.
4. Wissen und Fähigkeiten
Die Herstellung und Nutzung von Produkten und Dienstleistungen erfordert Wissen und Fähigkeiten. In Mauretanien sind 80 Prozent der Bevölkerung Analphabeten. Den Nomaden fehlte es an Kenntnissen, wie sie Tierkrankheiten vorbeugen, die Produktivität erhöhen oder Geschäfte organisieren konnten. Gerade auf dem Land mangelt es vielfach an ausreichender Schulbildung. Hinzu kommt der ungenügende mediale Anschluss. 2005 hatten nur 4 Prozent der Afrikaner Zugang zum Internet.
5. Zugang zu Finanzdienstleistungen
Arme Haushalte verfügen kaum über ein Spar- oder Girokonto, was die Bezahlung teurer Produkte erschwert und günstige und sichere Bezahlmethoden wie Überweisungen ausschließt. Kredite für größere Investitionen und Anschaffungen werden vielen Menschen nicht gewährt, da sie keine rechtlichen Dokumente, kein sicheres Einkommen oder keinen verpfändbaren Besitz vorweisen können.
Versicherungen, die den Konsumenten eine bessere Risikoabdeckung und damit eine längerfristigere Perspektive erlauben würden, sind für Menschen in Armut normalerweise nicht abschließbar. Haushalte und Unternehmen können so ihre Finanzen kaum vorausschauend managen. In Dürrezeiten mussten in Mauretanien viele Nomaden ihre Viehzucht aufgeben, weil es keinen Kredit gab, um Futter zuzukaufen. Die wenigsten Nomaden haben Bankkonten, um Geldtransfers mit Tiviski zu organisieren.
Diese strukturellen Schwierigkeiten stellen besondere Anforderungen an den gesamten Geschäftsentwicklungsprozess. Vom Aufdecken von Geschäftschancen bis hin zur Übertragung eines erfolgreichen Modells auf andere Länder gilt es, auf die besonderen Herausforderungen mit passenden Lösungen zu reagieren. Bedenkt man diese Besonderheiten mit, lassen sich auch unter schwierigen Bedingungen erfolgreich Modelle entwickeln, wie die wachsende Zahl guter Beispiele zeigt.