Chancen entdecken
Viele Unternehmen besitzen ein umfangreiches Produktportfolio, zum Teil über Sparten und Länder hinweg. Die Schwierigkeit liegt darin, in dieser Vielfalt Chancen für Entwicklungsgeschäfte herauszufinden.
Chancen-Detektor entlang des Kerngeschäfts
Bei der Suche nach Chancen für Entwicklungsgeschäfte stellen sich die Fragen: „Wo und wie kann durch die Produkte und Kompetenzen des Unternehmens Mehrwert für Menschen in Armut als Konsumenten entstehen? Wo und wie bestehen Möglichkeiten, sie als Produzenten einzubinden?“
Bei der systematischen Suche nach Antworten hilft der Chancen-Detektor. Er stellt den Wertschöpfungsprozess dar:
Produktionsfaktoren werden gebündelt, mit dem Endprodukt werden Bedürfnisse befriedigt. So entsteht ein Mehrwert, der zum Teil dem Konsumenten, zum Teil dem Produzenten zufällt. Um diesen Prozess zu verbessern, können Innovationen genutzt und Ineffizienzen getilgt werden.
Der Detektor für das Beispiel Siemens, in dem innovative Wasserfilter vorgestellt werden, könnte so aussehen:
Ineffizienzen tilgen: Bislang müssen viele Menschen Wasser in der Flasche teuer kaufen oder weite Strecken zurücklegen, um an eine saubere Quelle zu gelangen. Indem man vorhandenes, aber verunreinigtes Wasser filtert, wird sauberes Wasser vor Ort verfügbar. Die Nutzer sparen Zeit und Geld.
Das Beispiel zeigt, wie sich entlang des Kerngeschäfts Chancen für die Beteiligung der Zielgruppe als Konsumenten, Produzenten und in anderen Rollen auftun. Da der Suchende aber selbst den Entwicklungsgeschäftskontext nicht genau kennen mag, sind zusätzliche Informationen hilfreich.
Marktneuerungen beobachten
Geschäftsentwicklung für Menschen in Armut gewinnt zunehmend an Schwung und bringt eine Vielzahl von Innovationen in allen Sektoren und Regionen hervor. Aufspüren lassen sich diese besonders gut durch die folgenden Medien und Veranstaltungen:
Berichte: Publikationen und Blogs berichten über Geschäftsbeispiele, die sich bereits am Markt bewiesen haben. Die umfassendste und aktuellste Berichterstattung liefert der Blog
www.nextbillion.net, als deutschsprachiger Blog befasst sich
www.unternehmen-armut.de mit dem Thema.
Expertentreffen: Auf Konferenzen und Workshops zum Thema „Entwicklungsgeschäfte“ allgemein, aber auch zu spezifischen Unterthemen, Sektoren und Ländern treffen sich die Experten aus Unternehmen, Entwicklungsorganisationen, Wissenschaft, Finanzierung und Mittlerwesen.
Informationen über diese Veranstaltungen gibt es beim WBCSD und dessen Mailingliste zum Thema „Development“ sowie bei spezialisierten Mailinglisten und Social Networks wie „Business Fights Poverty“.
Wettbewerbe: Wettbewerbe rufen zur Vorstellung von Ideen, Fallstudien und Business-Plänen auf. Über Letztere lassen sich auch Investitionschancen identifizieren. Bekannte Business-Plan-Wettbewerbe sind der World Bank Development Marketplace, Ashoka’s Changemakers, die Business in Development (BiD) Challenge und die UN SEED Initiative.
Kontext-Kenner fragen
Kenner der Situation vor Ort können wertvolle Anregungen liefern. Eigene Mitarbeiter sind außerdem mit den Kompetenzen des Unternehmens vertraut, Entwicklungsorganisationen mit den Ressourcen und Bedürfnissen der Zielgruppe.
Mitarbeiter und Geschäftspartner: Die Mitarbeiter in Entwicklungsländern, die in engem Kontakt mit den Zuliefer- und Absatzmärkten stehen, also besonders im Einkauf, Verkauf und Außendienst, nehmen viele Herausforderungen und Chancen des Marktes wahr.
Um an diese Ideen zu gelangen, können die bestehenden Instrumente des Vorschlagswesens genutzt werden. Spezielle Ideenwettbewerbe wie bei Siemens setzen das Signal, dass Armutsbekämpfung für das Unternehmen ein Ziel ist. Auf diese Weise regen sie die Auseinandersetzung mit dem Thema an und sammeln schließlich eine Vielzahl von Ideen aus allen Bereichen und Ländern des Unternehmens.
Entwicklungsorganisationen: Für sie sind Menschen in Armut Kernzielgruppe. Sie kennen die Märkte seit langem und wissen um Bedürfnisse und Ressourcen der Menschen – sie kennen jedoch auch die Herausforderungen und Stolpersteine.
Die GTZ hat Büros in vielen Ländern der Welt und beschäftigt sich mit einem breiten Spektrum an Themen. UNDP, Weltbank und die regionalen Entwicklungsbanken sind weitere gute erste Ansprechpartner.
Kontext kennenlernen
Chancen werden auch durch die direkte Auseinandersetzung mit dem Kontext deutlich. Ein gutes Gespür für den Markt ist eine wichtige Ergänzung zu Fakten und Zahlen und erlaubt es erst, kritische Fragen zu stellen. Folgende Angebote erleichtern das „Eintauchen“:
Delegationsreisen: Handelskammern bieten Geschäftsanbahnungsreisen an. Deren Programm ist zwar meist nicht auf die Erschließung von Slums und Dörfern ausgerichtet, eignet sich aber dennoch dafür, relevante Kontakte herzustellen und einen ersten Schritt in ein Land zu tun.
Systematisch die vielversprechendsten Chancen auswählen
Wenn auf diese Weise Chancen zusammengetragen worden sind, gilt es, die vielversprechendsten auszuwählen und weiter zu verfolgen. Für die strategische Bewertung und Auswahl werden zwei Dimensionen eine Rolle spielen:
Gesellschaftlicher Mehrwert: Wie viele Menschen profitieren in welchem Maß von dem potentiellen Geschäft? Wie wird sich das Modell entwickeln? Gibt es Chancen, den Mehrwert durch Ausweitung des Angebots zu vergrößern? Kann das Geschäft wachsen, vor Ort, aber auch in anderen Ländern?
Unternehmerische Wertschöpfung: Welchen Anteil des geschaffenen Mehrwerts kann das Unternehmen für sich einnehmen? Wer wird wie viel für den entstandenen Nutzen bezahlen? In welchem Maß entstehen öffentliche Güter wie Wissen oder Umweltschutz, die nicht oder nur schwer zu handeln sind? Welche zusätzlichen Werte wie Reputationsgewinne oder Knowhow entstehen für das Unternehmen?
Chancen mit hohem gesellschaftlichem Mehrwert, der zu einem großen Teil in unternehmerische Wertschöpfung verwandelt werden kann, haben hohe Priorität. Bei weniger eindeutigen Fällen müssen Kosten und Nutzen abgewogen und das Verhältnis eventuell durch Anpassung der Idee verbessert werden.