Wer arm ist, lässt sich nicht so eindeutig sagen, wie der einfache Begriff vermuten lässt.
Armut hat viele Ursachen und viele Ausprägungen.
Üblicherweise wird das Einkommen als ein Indikator für Armut verwendet. Die Weltbank hat hier als internationalen Standard die Grenzen von 1.25 Dollar pro Tag für extreme Armut und 2 Dollar für moderate Armut (gemessen in lokaler Kaufkraft) festgelegt. Demnach lebten 2005 1,4 Milliarden Menschen in extremer und 2,6 Milliarden in moderater Armut.
Das Problem von Armut beschreibt allerdings das „Capability“-Konzept des Wirtschaftswissenschaftlers Amartya Sen besser. Dieses versteht Armut als Mangel an wertvollen Lebenschancen. Es prägt heute weite Teile der Entwicklungsarbeit. Menschen in Armut fehlt es an grundsätzlichen Chancen, ein selbstgewähltes Leben zu führen. Das beinhaltet einfache Grundbedürfnisse wie Essen, Bildung und Berufswahl, aber auch Chancen auf gesellschaftliche Mitbestimmung und Teilhabe. Einkommen ist ein Zugang zu diesen Möglichkeiten, aber auch ein Ergebnis der Verwirklichung von Lebenschancen.
Entwicklungsgeschäfte müssen nicht unbedingt bei den Ärmsten der Armen ansetzen. Also nicht bei den Menschen, die von 1 Dollar, sondern von 3 oder 4 Dollar am Tag leben. Oft ist es einfacher, sich auf die Gruppen zu konzentrieren, die Kapital in Form von Wissen, Land und sozialer Einbindung haben, dies aber mangels Zugang zum Markt nicht nutzbringend einsetzen können. Geschäftsmodelle, die diese Bevölkerungsgruppen einbinden, bieten erhebliche Chancen gegenseitiger Besserstellung. Den Ärmsten der Armen aber fehlt es oft an jeglichem Kapital. Sie sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Die für Entwicklungshilfe verfügbaren Gelder können auf die Unterstützung dieser Menschen konzentriert werden, wenn Märkte und Geschäfte denen, die Einsatzmöglichkeiten für ihr Kapital suchen, Chancen verschaffen.
Es sollte daher mehr von „Menschen in Armut“ statt von armen Menschen gesprochen, um deutlich zu machen, dass es die Lebensumwelt der Betroffenen ist, die sie arm sein lässt. Armut ist in Entwicklungsländern großteils ein strukturelles, kein individuelles Problem. Auch der häufige Verweis auf die Slums und Dörfer, also das typische Umfeld von Armut, verdeutlicht dies. Welche Strukturen es sind, die Märkte verhindern und Armut verstetigen, wird am Ende dieses Kapitels erläutert.